Kein Reisewagen!

Der 928 ist ein idealer Reisewagen, perfekt zum Cruisen - so ähnlich wird der 928 gemeinhin gelobt. Meist von Zeitgenossen, die nie einen gefahren oder gar gefordert haben.

Dabei ist diese Volksweisheit, obwohl man in der Tat mit einem 928 recht gut reisen kann, nicht auf- sondern  abwertend! Ein solches „Kompliment" einem Sportwagen zu machen, hat etwas herablassend-tröstendes. Es schwingt darin mit, dass der 928 kein „richtiger" Sportwagen sei (was immer das genau ist) – eher etwas für gemütlich durch die Lande zuckelnde Sonntagsfahrer oder Geschäftsreisende, die nichts anderes wollen als entspannt und gepflegt beim nächsten Termin ankommen. Beides langweilig wie ein preisgekrönter Kulturfilm. Mütter, deren Töchter von der Natur nicht unbedingt verwöhnt wurden, versuchen diese ähnlich an den Mann zu bringen: Lieschen kann gut Kochen, beherrscht zwei Fremdsprachen und die Grundsätze ordnungsgemäßer Buchhaltung...

928s


Wer jemals gespürt hat, wie der 928 (einen wirklich entschlossenen Lenkbefehl vorausgesetzt) sich geradezu gierig in eine Kurve hineinhechtet, wer erlebte, wie ihn die Fliehkräfte vom Sitz zerrten (so geschehen beim ams-Vergleich von 928 S4 und CS auf der Nordschleife), wer weiß, dass der 928 GT den BMW M5 und den Mercedes 500SL auf derselben Strecke geradezu deklassierte, der ist dem Wesen des 928 eher auf der Spur: Es handelt sich um einen Sportwagen der Extraklasse, fahrdynamisch mindestens auf Augenhöhe mit Exoten vom Schlage eines Ferrari oder Lamborghini, wenn auch ohne deren Exaltiertheit.

Natürlich wird immer wieder von "Kennern" der 911er als Referenz herangezogen. Ist er nicht viel wilder, schneller, und somit sportlicher? Wilder durchaus, aber – zumindest in den Händen eines normal talentierten Fahrers – keineswegs schneller. Die aufregendste Art, langsam zu fahren (so brachte es ein Mensch, dessen Name mir leider nicht gegenwärtig ist, in einem Internetforum einmal auf den Punkt). Ernsthaft gefordert, tänzelt der 911 nervös zwischen (von der Fahrwerksgeometrie her vorgegebenen) Untersteuern und (durch die Gewichtsverteilung bedingtem) Übersteuern hin und her (nur absolute Routiniers können das ausbalancieren und in hohe Kurventempi umsetzen), während der 928 den gleichen Job unaufgeregt neutral, aber atemberaubend schnell erledigt.

Eine Analogie aus der Welt der Musik sei hier eingeflochten: Abgesehen von denjenigen Menschen, welche solcher Musik vollkommen abhold sind, gibt es wohl kaum jemanden, der nicht bei Angus Young's (AC/DC) ersten Gitarrenriffs, wenn er „Highway to Hell" anstimmt, ein ansatzweises Zucken in Händen und Füßen bekommt. Ertönen hingegen die ersten Takte des Scherzos aus Beethovens 7. Symphonie (3.Satz) ist die Hörerschaft, die sich darauf einlassen kann und will,  praktisch ausnahmslos fasziniert. Sie empfindet zwar weniger vordergründig, dafür aber unvergleichlich tiefer.

So kristallisiert sich heraus, dass der 928 eher für den tiefen denn für den vordergründigen Genießer des Sportwagenideals geeignet ist. Dass man damit auch Reisen kann, ist sicherlich angenehm, aber eben nur eines der vielfältigen und beeindruckenden Talente des 928.